Ausgeliefert
AUSGELIEFERT

Ich war aufgeregt wie eine Braut vor der Hochzeit. Gleich wird er geliefert! Ich hatte die Schnauze voll von den menschlichen Männern und heutzutage musste man sich nicht mit einem einsamen Single Dasein arrangieren. Frau bestellte sich einen. Lange hatte ich davor zurück geschreckt. Die erste Generation Mann war noch nicht ganz ausgereift. Es gab Defekte. Besonders, wenn Flüssigkeiten ins Spiel kamen. Das wollte Mann nicht. Die Firma TYRELL versprach ab sofort jedoch reibungslosen Ablauf (sic!) und ich dachte: warum nicht spontan sein? Mein Leben ließ dafür fast keinen Raum mehr, aber im Privaten musste es noch möglich sein. Ich hatte bewusst nicht den perfekten Mann gewählt, denn neben ihm würde ich mir minderwertig vorkommen. Ich wollte einen mit kleinen Fehlern. Kochen sollte er schon, aber nicht gern abwaschen. Er durfte auch ab und zu zu spät kommen, wenn wir beispielsweise in der Oper verabredet waren oder immer die gleiche Jeans tragen und nur drei Paar Schuhe besitzen. Solche Sachen.
Der Lautsprecher an der Wohnungstür spielte die ersten Takte aus Chopins Regentropfen Prélude. Obwohl ich wusste, dass er es war, fragte ich: "Wer da?"
"Hallo. Hier ist Rick Chew", antwortete es.
"Komm hoch. Der Fahrstuhl geht bis in die 23. Etage, dann noch links die schmale Treppe hoch."
Ich wies das Wohnmanagementsystem HUGO an, ihn rein zu lassen. Meine Penthaus Wohnung lag am Rande von Berlin Mahrzahn, in einem der neuen Luxus Hochhäuser. Ich konnte es mir leisten, denn ich arbeitete als exzellent bezahlte Programmiererin. Die meisten Menschen lebten inzwischen von GK 3. Die dritte Generation des bedingungslosen Grundeinkommens wie es einmal hieß, als es vor 30 Jahren eingeführt wurde. Ich war damals noch ein Kind und für meine Eltern war GK 1 die Rettung. Sie hätten sonst nicht gewusst, wovon sie im Alter leben sollten.
Er sah phantastisch aus. Fast ein bisschen zu gut, das hatte ich anders bestellt. Rick Chew war ein Bild von einem Mann. Groß, schlank, sportlich, aber nicht so aufgepumpt wie die Typen, die sich jeden Tag im GYM ab arbeiten. Männer, die zu viele Muskeln hatten, waren immer menschlich. Der hier hatte einen elegant zu nennenden Muskeltonus und einen südländischen Touch, dunkle Haare, bernsteinfarbene Augen. Darauf stehe ich. Er trug ein hellblaues Designerhemd. Das erkannte ich sofort an der tadellosen Passform, dazu kombinierte er dunkelblaue Jeans und braune geflochtene Schuhe. Ein bisschen ‘old school‘, aber ich mag das. Meine Aufregung kriegte ich kaum unter Kontrolle, ich hatte heiß-kalt und fühlte mich, als hätte ich einen call boy gerufen. In gewisser Weise war das so, da brauchte ich mir nichts vormachen.
"Hallo Charlotte. Freut mich, dich kennen zu lernen", sagte er zur Begrüßung.
"Hi Rick" sagte ich. "Wie geht's?"
Was für eine schwachsinnige Frage. Wie sollte es ihm schon gehen. Er war kein Mensch und somit wohl kaum irgendwelchen nicht kalkulierbaren Befindlichkeiten unterworfen. Außerdem war er ein Mann.
"Wenn ich ehrlich bin, ich sterbe vor Aufregung", sagte er zu meiner Überraschung.
"Meine letzte Beziehung lief nicht richtig gut", fuhr er sogleich fort, "Ich hoffe, wir werden es besser machen."
Moment mal. Seine letzte Beziehung? Hatte er Frauen vor mir gehabt und dann war es nicht gut gelaufen? Es war doch gar nicht vorgesehen, dass es NICHT gut lief.
"Ich bin dir völlig ausgeliefert", sagte er. "Wenn es mit dir nicht läuft, werden sie mich terminieren."
Am liebsten hätte ich sofort bei TYRELL angerufen. Was hatten sie mir denn geschickt? Ein Abwrackmodell? Und wie kam ich aus dieser Nummer so schnell wie möglich wieder raus?
"Es tut mir wirklich leid, dass ich mit der Tür ins Haus falle. Du hast bestimmt was Anderes erwartet und auch verdient. Aber ich dachte, es ist besser, wenn ich ehrlich bin. Ich fürchte, ich stehe mit einem Bein in der Depression."
"Jetzt setzt dich erst mal und entspann' dich", hörte ich mich sagen. "Wir müssen uns doch erstmal kennen lernen."
"Danke. Könnte ich ein Glas Wasser haben?", fragte er als wir am Küchentisch saßen.
"Kannst du das denn?", fragte ich. "Trinken, meine ich."
Er wurde rot. Und sagte:
"Oh Mann, Charlotte. Ich glaube, ich kann das nicht durchziehen. Die Wahrheit ist: ich komme gar nicht von TYRELL. Ich bin Dein Nachbar aus der 10. Etage. Ich wollte Dich unbedingt kennen lernen."


Autor: Anne Olschewski (48 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ich schreibe, um mich kreativ mit der Welt auseinander zu setzen. Und die Welt ist laut Wittgenstein alles, was der Fall ist. Das Thema dieser Geschichte, wird zunehmend der Fall sein.
Quelle: