Zum Tode von
Zum Tode von

Da stehen Sie ein Leben lang im Lichte der Öffentlichkeit. Irgendwann fällt es Ihnen auf: Ihr Wort hat Gewicht. Man ruft Sie an und fragt Sie nach Ihrer Meinung über die Dinge, die passieren. Sie werden gedruckt, Bilder von Ihnen erscheinen im Fernsehen, man beginnt, Sie zu zitieren, zu karikieren und Sie erkennen wenig später als Ihre Beobachter, dass Sie relevant geworden sind.
Und dann lesen Sie so halb im Ruhestand die Zeitung, deren wichtigste Redaktion Sie jahrelang leiteten und die sich danach mit Ihnen als Hausautor schmückte. Und immer wieder begegnen Ihnen in dieser Zeitung die Nachrufe. Die für die Bosse im Wirtschaftsteil in der Mitte, die für die Künstler im Feuilleton davor, die für die Päpste und Politiker ganz vorn.
Und aus der jahrelangen Arbeit in den Redaktionen wissen Sie, dass die Nachrufe alle fertig sind, bevor die Toten sterben. Melden sich die Toten nochmal zu Wort, bevor sie gehen, dann wird ein Satz ergänzt. Deckt einer ein lange gehütetes Geheimnis aus ihrer Vergangenheit auf, kommen zwei Sätze dazu. Aber der Haupttext wird irgendwann nicht mehr geändert. Der steht und steht dann da und dann sind Sie sozusagen im Wesentlichen fertig.
Zum Tode von, fängt die Unterüberschrift immer an. Und beim Lesen des zigsten Nachrufs kommt sie Ihnen: die Frage danach, wann Ihr Name die Unterüberschrift abschließt. Gehalten vom Stock schleichen Sie durch die Gänge des Verlagsgebäudes. Ein Nachrufe-Regal, in dem Sie schmulen könnten, gibt es nicht mehr. Und Sie haben keine Ahnung, auf welcher Festplatte Ihr Nachruf bereit liegt, um mit einem Doppelklick geöffnet zu werden, wenn sie die Augen schließen.
Und keiner redet mit Ihnen darüber und man fragt sowas ja auch nicht. Wie eine letzte Überraschung, eine, die Sie nicht miterleben können, ist sowas. Unzählige Male waren Sie in Redaktionssitzungen dabei, wenn es um die Verteilung des Auftrags für den und den Nachruf ging.
Wann wurde Ihrer verteilt? Als Sie den dritten Preis verliehen bekamen? Als Sie die Bronchitis hatten vor vier Jahren? Als Sie sich in Italien eine Auszeit nahmen? Der da, der mit den grauen Haaren, der schaut auf und gleich wieder weg. Ist er der Verfasser? Wird Ihr milder Gruß ihn erbarmen, noch ein herzliches Wort hinzuzufügen? Werden am Tag danach genügend Zeilen zur Verfügung stehen, damit er das Wort nicht wieder tilgen muss? Nur eins ist klar: Ihr Nachruf, der ist da. Und er kommt raus, wenn Sie es nicht mehr sind. Was wird sein Verfasser denken, wenn er Sie lebend an sich vorbeigehen sieht und die Datei aus Pietät schnell schließt? Was wird er denken bei dem Doppelklick, mit dem er die Datei bald wieder öffnen wird?
Sie schreiben ein Leben lang an Ihrem Leben, ohne einen einzigen Absatz zu wählen, oder auch nur einen Buchstaben zu setzen. Wenn dieses Wort die Lebenden nicht so verwirren würde, könnte ich transzendent zu alledem sagen. Aber zu greifen, was vor sich geht im Bewusstsein der anderen wenn das eigene Bewusstsein erlischt, das gelingt wohl nur uns. Jenen, die gehen.

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Autor: Christian Lange-Hausstein (32 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Die Idee sollte fixiert werden.
Quelle: Der Text