Ungleichgewicht
Da ist so ein Ungleichgewicht. Nachdem wir uns sehen. Nachdem wir telefonieren. Immer nach Dir. Ich sitze dann da und denke an das Sehen oder das Telefonieren und ich frage mich dann immer, welchen Satz ich von Dir wie zu verstehen habe und welcher Satz von mir anders hätte formuliert werden müssen, um mich endlich mal verständlich zu machen.

Und dann denke ich währenddessen immer eben auch an deine Kinder, deine Frau und daran, dass Du dich um so viele verschiedene Aufgaben zu kümmern hast, während ich immer nur male.

Was das bedeutet, wenn ich sage, dass Du mir fehlst, willst Du wissen. Typen, die anderen Menschen fehlen, die wissen das ja nie. Und dass solche SMS nur Zeit und Ablenkung machen sollen, das wissen Typen wie ich umso genauer. Und dennoch antworten wir. Denn es ist so einfach. Dass deine Klamotten nicht mehr überall rumliegen. Dass dein Geruch noch immer im Bad steht. Dass deine Haare sich noch durch die Kissen ziehen. Dass ich um den Schmutz, den Du mit deinen Schuhen hereingetragen hast, herum sauge. Dass ich dein seit dem Morgen vertrocknetes Baguette aufesse und dass ich deine halbvolle Tasse Kaffee mit Lactosemilch drin austrinke. Dass ich wieder stark sein muss, und nicht die Frau, die ich sein will, sein kann. Dass ich mich mit deinem Handtuch abtrockne. Ne Woche lang.

Seit ich von der Kunst leben kann, hat mein Leben ja nichts mehr mit dem Leben zu tun. Allein in meiner Wohnung, wo soll ich da die Motive hernehmen. In die Kneipe sind sie von allein gekommen.

Es gibt nur Dich. Nur Du reißt mich da raus. Und schickst mich doch jedes Mal zurück, indem Du auflegst oder indem Du die Tür hinter Dir zuziehst oder indem Du um die Ecke biegst.

Und alles, was sich hinter dem Hörer, der Tür und der Ecke verbirgt, will dann was von Dir. Deine Kinder wollen spielen, deine Frau will reden und ab und zu Sex. Deine Freunde wollen Biertrinken und Du willst das alles auch; ich sehe Dich mir ja jedes Mal mit einem Lächeln davon erzählen (und auf dieselbe Weise den Sex mit deiner Frau verschweigen).

Und ich ahne, wie Du teilnimmst, also: ganz und gar nicht nur dabei, sondern Teil davon bist. Und nicht an mich denkst, so wie ich an Dich. Ungleichgewicht. Zieh mich doch mal rüber; bezieh mich doch mal ein: in dein Leben, wie ich das mit Dir machen will. Ganztags, alles betreffend. Fällt Dir schwer? Ist auch nicht leicht.

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Autor: Christian Lange-Hausstein (32 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Die Idee sollte fixiert werden.
Quelle: der Autor selbst