Rebentrauer – Trauerreben
Rebentrauer – Trauerreben


Die Trauer ist, sich willig zu ergeben:
Wenn etwas nicht mehr ist und fortgegangen,
Wenn – wolkenfrei – die Sonne scheint verhangen,
Dann kommt die Ruhe nach dem Seelenbeben.

Man steht an einem Grabstein, denkt ans Leben,
Erinnert Stimmen, die vertraut erklangen,
Bemerkt die Winde nicht, die sich verfangen,
In Haaren, Mänteln und im Widerstreben.

Ich blicke auf, der Morgen ist vergangen,
Und um das Grab ist’s still. Wer will vergeben
Für den, der drunten liegt, und das Verlangen,

Sich noch ein letztes Mal zu reiben? Reben
Umschlingen ein Gerüst aus Eisenstangen
Und weisen blühend auf das Weiterleben.


Autor: Walther Stonet (61 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Wie schafft man Hoffnung aus tiefster Trauer? Wie lebt man mit einer Beziehung, die nach dem letztgültigen Abschied offene, schmerzliche Enden zurückläßt?
Beide Sujets sind Gegenstand dieses Sonetts, das zur Trauerbewältigung und zum mit und in sich Frieden Machen gedacht ist. Hier ist der Bezug umgekehrt: Im Innen herrscht Dunkel, im Außen ist das Licht, das dann, wenn man es sieht und für sich begreift, Hoffnung im Schmerz bedeutet.
Diesmal ist die Reimform noch strenger, da es nur zwei Endreime gibt. Die Tonalität der Endreime folgt den Inhalten. Der letzte Vers hat auf seinem Endreim ein langes, schwingendes "e".
Quelle: