Literatur-Apotheke
Ich sage nichts
Ich sage nichts

Luisa sagt nichts. „Mir ist langweilig“, sagt Sara. Ihre Mutter hat sie hinüber geschickt. Zum Spielen. Mit Luisa. Sara hat ihr Sammelalbum mitgebracht. Ganz neue Bilder hat sie. Ein paar sind doppelt. Die will sie mit Luisa tauschen. Luisa hat auch neue Bilder. Die stecken noch in den Papiertütchen. Nicht einmal ausgepackt hat sie sie. Sara reißt die Tütchen auf. Sie ist ganz außer sich, als sie das Einhorn mit dem goldenen Schweif entdeckt. Das Bild ist selten. Es fehlt noch in ihrem Album. „Ich gebe dir dafür, was du willst!“ sagt sie und schiebt Luisa den ganzen Stapel mit den doppelten Karten hinüber. Luisa guckt nicht einmal richtig. Sie öffnet den Stapel, schiebt ihn dann wieder zusammen und nimmt die oberste Karte. Sara versteht gar nichts mehr. Die Blumenfee hat Luisa doch selber schon. Sara hat sie vierfach! „Die hast du!“ ruft Sara. Sie greift nach Luisas Album, schlägt die Seite mit den Blumenkindern auf und zeigt auf das Bildchen. „Hier, guck mal! Das Einhorn ist selten! Du musst dir etwas anderes aussuchen. Du kannst auch drei Karten haben! Oder fünf!“ Sara wühlt in ihrem Stapel nach Karten, die Luisa noch nicht hat. Immer wieder schaut sie in Luisas Album nach. Endlich hat sie eine gefunden! „Hier, nimm die“ sagt sie und reicht Luisa die Karte. „Die hast du noch nicht.“ Sara freut sich über den guten Tausch. Sie wird ihrer Freundin noch weitere Karten heraussuchen. Das Einhorn ist wirklich wertvoll! Luisa legt die Karte einfach auf ihren Stapel. Nicht einmal einsortieren will sie sie. „So macht das keinen Spaß“, denkt Sara. „Mir ist langweilig“, sagt sie.
Luisa ist es egal. Sie steht auf und geht hinüber zur Schaukel. Ganz langsam schaukelt sie. Die Füße bleiben auf dem Boden. Sara kramt noch in den Karten. Luisa betrachtet ihre Beine. Der Wind hebt ihr Röckchen ein wenig an. Schnell drückt sie ihre Oberschenkel fest aneinander.
Mama kommt in den Garten. Sie trägt ein Tablett mit Saft und Keksen. „Spielt ihr schön?“ fragt sie, verstummt dann aber, als sie Luisa allein auf der Schaukel entdeckt. Ihr Gesicht verändert sich. Mama stellt das Tablett auf den Gartentisch und geht zu Luisa hinüber. Vor der Schaukel geht sie in die Hocke und blickt Luisa fest ins Gesicht. „Luisa“, sagt sie. „So geht das nicht! Sara ist extra zum Spielen gekommen. Du kannst sie nicht einfach alleine da sitzen lassen.“ Luisa sagt nichts. Sie schaut nicht einmal auf, starrt weiterhin auf ihre Beine. „Was ist los mit dir?“ Mama wird sauer. „Hör endlich damit auf, deine Show abzuziehen!“ Mama schaut hinüber zu Sara. „Es tut mir Leid, Sara“, ruft sie ihr zu. „Luisa benimmt sich heute schlecht. Besser, du gehst jetzt nach Hause. Wenn du magst, kannst du morgen wiederkommen.“ Sara ist im Grunde froh um diese Wendung. Luisa benimmt sich wirklich blöd. Ganz anders als früher. Eigentlich möchte sie gar nicht mehr mit ihr spielen. Sie ist sowieso nur gekommen, weil ihre Mama es so wollte. Sara packt ihr Album und ihre Karten zusammen und verlässt den Garten durch die Hoftür. „Tschüß, dann!“ ruft sie Luisa noch zu. „Bis morgen in der Schule.“ „Tschüß“, sagt auch Mama. Luisa sagt nichts. Luisa muss mit Mama zum Gartentisch gehen. Sie setzt sich auf den Stuhl und rückt ganz dicht an den Tisch heran. Mama darf ihre Beine nicht sehen. Besser noch, Mama kann sie gar nicht sehen. Aber das geht nicht. Luisa starrt auf die Kekse. Sie sagt nichts. „Wir müssen reden“, sagt Mama. Sie folgt einen Moment lang Luisas Blick. „Willst du einen Keks?“, fragt sie. Luisa schüttelt den Kopf. Sie sagt nichts. „Dann schau mich an!“, verlangt Mama. Luisa hebt versuchsweise den Kopf ein wenig. Sie will Mama nicht anschauen. Sie will nicht, dass Mama ihr in die Augen schaut. Mama weiß immer genau, wenn sie lügt. Mama kann es in ihren Augen sehen. Luisa senkt den Blick ein kleines bisschen, starrt auf Mamas Mund. Es scheint zu funktionieren. Mama ist zufrieden und fängt an, zu sprechen: „Es ist wegen Sven, nicht wahr?“ Luisa zuckt erschrocken zusammen. „Mama weiß es“, denkt sie. Tränen schießen in ihre Augen. „Aber ich habe nichts gesagt. Ich weiß es ganz genau. Ich habe nichts gesagt.“ Luisa sagt immer noch nichts. „Ich habe also Recht!“ fährt Mama fort. Luisa nickt ganz leicht. Aber sie sagt nichts. Ihre Beine kneift sie fest zusammen. „Gut“, sagt Mama. „Jetzt sage ich dir einmal etwas: Ich habe genug von deinem Theater. Es ist nicht meine Schuld, dass dein Papa weg ist. Ich versuche nur das Beste daraus zu machen. Alles was du tust, ist, der Welt zu zeigen, wie furchtbar alles ist. Alle sprechen mich an, was denn mit meinem armen Kind los ist. Deine Lehrerin, Oma und Opa, die Nachbarn … einfach alle. Die machen sich Sorgen um dich! Genau das willst du, habe ich Recht?“ Mama hält einen Moment inne. Sie wird richtig wütend. Wütend auf Luisa. Luisa hat etwas falsch gemacht. Aber was? „Ich habe nichts gesagt“, denkt sie. „Gar nichts!“ Luisa hat Angst. Er hatte Recht! Mama mag sie nicht mehr. Niemand mag sie mehr. Mama nicht, Frau Schiller nicht, Oma und Opa nicht! Nicht einmal Sara. „Sie können sehen, was ich getan habe!“, denkt sie. „Sie finden mich ekelig! Ich bin ekelig!“ Mama nimmt ihren verschämten Blick als Schuldeingeständnis. „Du bist eifersüchtig!“, schimpft sie. „Bekommst du nicht mehr genug Aufmerksamkeit? Gönnst du mir meine neue Liebe nicht? Ich lasse mir das alles hier aber nicht von dir kaputt machen. Es war dein ach so toller Papa, der uns verlassen hat. Dem bist du egal. Der hat jetzt ein neues Baby. Noch dazu einen Jungen! Damit wirst du dich abfinden müssen. Und mit Sven wirst du dich auch abfinden müssen. Er ist so gut zu uns. Er macht mich glücklich! Ich lasse mir mein Glück nicht von deinem albernen Trotz kaputt machen. Hast du das verstanden?“. Luisa nickt. Das hat sie verstanden.
Luisa sagt etwas: „Darf ich auf mein Zimmer?“, sagt sie. „Ja,“ antwortet Mama. „Geh nur und schmolle weiter!“
Luisa geht ins Badezimmer. Ihr ist schlecht. Sie muss sich übergeben. Dann geht sie auf ihr Zimmer. Sie zieht das doofe Kleid aus. Sie nimmt eine Hose aus dem Schrank, eine Strumpfhose und sieben Schlüpfer. Es ist doch egal, dass es warm ist. Niemand darf es sehen. Wenn ich es gut genug verstecke, dann merkt es keiner mehr. Dann hat Mama mich wieder lieb. Nein, Sven, ich sage nichts.


Autor: Susanne Sarrazin (53 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Das Thema kann nicht oft genug angesprochen werden. Es braucht unsere Aufmerksamkeit, wir dürfen es nicht verdrängen, denn es ist allgegenwärtig.
Ich habe mich bemüht, die Perspektive des Kindes einzufangen
Quelle: selbst verfasst