Literatur-Apotheke
Unter dem Himmel
Unter dem Himmel



Johannes Isländer bewohnte eine kleine, aber feine Mansardenwohnung in Paderborn.
Zwischen dem purpurroten Ledersofa und der Schreibkommode im Kolonialstil sorgte nur
der Kater Romolus für ein wenig gediegene Unruhe im ansonsten beschaulichen
Dasein des freundlichen Vermessungstechnikers.

Ein duftender Strauß Rosmarine anstelle roter Tulpen oder gelber Rosen zierte den kleinen
Teetisch inmitten des behaglichen Raumes.
Hier träumte Herr I. abends gerne von Alaska und dessen kristallenen Eiswüsten.
Hier bereiste er im blaugrünkarierten Hausmantel Kreta, Persien und allerlei weltweit verstreute
Landzungen und Bergrücken.

So wäre unser braver Johannes wohl noch viele Jahre lang nach Feierabend bequem und
ohne lästigen Jet Lag weitergereist; wenn nicht dieser unselige trübe Novembermorgen
dazwischengekommen wäre.

Ein heftiger Regenschauer überfiel ihn, als er wie üblich um zehn nach sechs die Straße zur
Busstation hin überquerte.
Die Nässe fliehend, rannte er, ohne nach links und rechts zu blicken, über das glitschige
Teerband.

Ein schlecht eingestellter Nebelscheinwerfer hier, ein unausgeschlafener Porschefahrer da
und Riesenregentropfen schwerer als Krokodilstränen taten ihr Übriges.

Viel Zeit verging seitdem und viele neue Regengüsse wuschen auch die allerletzten
Blutstropfen von der unauffälligen Vorstadtstraße ab, in der weiterhin gelebt und geträumt
und manchmal mit dem eigenen kostbaren Leben wie mit einem abgegriffenen Jojo gespielt wird.



Autor: Michael Hannack (51 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Hinter den Vorhang der sogenannten Realität zu schauen und die mögliche dahinterliegende Wahrheit zu ergünden versuchen.
Quelle: Autor