Der Dimensionist
„Ja?“, tönte es hinter der dünnen weißen Tür.
„Kenton McLaurin“, sagte der Mann mit den kurzen grauen Haaren und bewegte seine Lippen so wenig wie möglich. „Wir haben telefoniert.“
Die Tür schwang auf. Ein junger Mann stand vor ihm.
„Lux, richtig?“ Kenton trat ein und erkannte, weshalb der Hacker sich diesen Namen ausgesucht hatte. Die kleine Einzimmerwohnung war lichtdurchflutet.
„Sie wollen eine E-Mail verschwinden lassen?“, fragte Lux und Kenton wurde mulmig. Davon hatte er während ihres kurzen Telefonates nichts gesagt.
„Ja“, gab er zu. Und hoffte, dass dieser Hacker nicht allzu tief weiterbohrte.
„Wo?“
„Redaktion des Science Magazines.“
Lux zeigte keine Regung. Anscheinend waren schon häufiger Wissenschaftler deshalb bei ihm gewesen.
„Betreff?“
„Artikel zum Nachweis und Nutzung der vierten Dimension.“
Lux hob den Kopf. „Wann geschickt?“
„Gestern Nacht“ Kenton atmete tief ein. „Werden Sie es schaffen?“
Der Hacker nickte.
„Wie viel wollen Sie?“
Lux schaute ihn zum ersten Mal an, zog die Augen zusammen. „Zehntausend.“
Kenton zuckte zusammen. Er wollte nachfragen, verhandeln. Aber er wusste nicht wie. Entweder er ließ diese E-Mail verschwinden oder das Ende der Menschheit brach an.
„Oder“, fuhr Lux fort, „Sie sagen mir, wie Sie das gemacht haben.“
„Was gemacht?“, schoss es aus Kenton.
„In die vierte Dimension eintauchen“, meinte der Hacker und wies Kenton an Platz zu nehmen.
Und Kenton nahm Platz. Denn er hatte keine Zehntausend. Und dieser Hacker schien mehr zu wissen, als er zugab. Aber er musste sich absichern. Sonst könnte er die E-Mail gleich beim Science Magazine belassen.
„Versprechen Sie mir, dass Sie die Information nicht weitergeben. Dass Sie sie geheim halten.“
Lux lehnte sich an seinen Schreibtisch. Der Computerbildschirm war schwarz. „Ich werde schweigen.“
Kenton zog an seinen Fingern und ließ sie aus der Kapsel springen. Dasselbe hatte er gestern Abend getan, als ihn sein Bruder und seine Eltern genervt hatten, weil er mit seinen 54 Jahren und über 30 Jahren in der Quantenforschung immer noch keine Entdeckung gemacht hatte. „Ich habe etwas gefunden“, hatte er zornig gerufen, „kauft euch das nächste Science Magazine.“ Und dann hatte er die Mail mit einem kurzen Abstract noch in der Nacht abgeschickt.
„Die vierte Dimension liegt zwischen den Zeilen“, begann er leise. Der helle Raum war so leer, dass seine Stimme schallte. „Wenn Sie in den Quantenbereich zwischen den Zeilen eintauchen, dann können Sie sehen, wie es weitergehen wird.“
„Sie meinen, in die Zukunft sehen?“
„Ja. Und ich habe gesehen, dass die Menschheit dieses Wissen missbrauchen wird. Dass sie - “, Kenton suchte nach Wörtern.
„- die Zeit manipulieren wird!“, beendete Lux den Satz.
Kenton nickte.
„Erklären Sie es mir genauer. Wie haben Sie die Zukunft gesehen?“
„Um einen Nachweis für die Supersymmetrie zu finden, nutze ich die integrierte Optik. Als plötzlich ein Blatt Papier in die Versuchsanordnung rutschte und ich die Quanten auf meine Pupille projizierte, sah ich auf einmal ein Bild vor mir, viel schärfer als sonst. Da war eine Anzeige, aus vaporisierendem Strahlungsnebel. Die Gebäude glühten, nur wenige Menschen waren auf der Straße. Im Hintergrund rauchte ein riesiges Kuppelgebäude. Es war Washington in vielleicht 100 Jahren. Als ich danach auf das Papier blickte, stand da 'Die USA und Deutschland konnten sich erneut nicht im Klimastreit einigen. Die Gespräche wurden auf unbestimmte Zeit vertagt.' “
Kenton schluckte. „Ich habe sämtliche Dokumente, die ich finden konnte, untersucht. Und als ich heute Morgen meine E-Mail analysierte … Das wäre das Ende der Menschheit.“
Er blickte auf, betrachtete Lux und erschrak. Denn da war kein Verständnis mehr. Da war nur noch Gier.
„Oder der Beginn einer großartigen Zeit“, meinte der junge Mann und schaltete den Monitor seines Computers an. „Sie haben alles gehört?“ Vom Bildschirm blickte der Präsident der Vereinigten Staaten und reckte grinsend beide Daumen in die Höhe.


Autor: Anke Harnisch (30 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ohne das geschriebene Wort würden vieler meiner Gedanken nicht so weit voran schreiten und sich entwickeln, als wenn ich sie nur im Kopf lasse. Und deshalb schreibe ich. Weil ich so meinen Gedanken eine Bühne geben kann, auf der sie lebendig werden und stetig wachsen.
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