Der Warteraum
Die Neonröhre über uns flackert, dann geht sie aus und wieder an, erhellt den Flur, in dem wir vor seiner Türe warten, nur für die Dauer eines Herzschlags und geht dann wieder aus.
An
aus
an
aus.

Wie Roboter bewegen sich die Ärzte in ihren weißen Mänteln über den Flur, abgehackt. Nur das Quietschen der Sohlen auf dem grünen Linoleum stört den Takt.

Ich halte Gerlindes Hand, umschließe sie fest und bewege mich keinen Millimeter, um sie nicht zu wecken. Ich spüre ihren Atem an meinem Hals, ihr Kopf liegt auf meiner Schulter.

Der Geruch nach Sterilität wird mit jedem Blinken der Neonröhre stärker, durchzieht meinen ganzen Körper, umhüllt mich wie ein dichter Nebel.
An
aus
an
aus.

Mein Herz übernimmt die Frequenz, es schlägt hart und viel zu schnell. Gerlinde wird meinen Herzschlag spüren, das weiß ich.

Die Lehne des grauen Plastikstuhls, auf dem ich sitze, drückt sich unter das Schulterblatt in meinen Rücken, dennoch bewege ich mich nicht. Was ist ein solcher Schmerz gegen die Schmerzen, die Martin nach seinem Absturz in der Kletterwand ertragen musste, und die ihn dann kurz nach seiner Rettung überwältigt hatten, so dass er sich ausgeklinkt hat und ins Koma fiel?

An
aus
hell
dunkel.

Ich stelle mir vor, wie hinter der Türe Martins Herz mit blinkenden und tönenden Geräten zum Schlagen gebracht wird. Ob er zwischen dem künstlichen Rhythmus der Geräte meinen Herzschlag so wie Gerlinde neben mir spüren kann? Von hier draußen auf dem Flur? Merkt er, dass wir da sind, vor seiner Türe, uns nur kurz ausruhen und warten, bis die Pfleger ihn gewaschen und das Bett frisch überzogen haben? Wie stark ist sein Herz? Wie stark ist meines? Wie groß ist meine Hoffnung, dass er durchkommt?

Ein Komapatient, sagte der Arzt gestern, lebt von der Überzeugung der Angehörigen, dass er hier bleibt und nicht durch den Spalt in ein Leben jenseits unserer Vorstellungskraft schlüpft.

Wie kann ich Martin zum Bleiben überzeugen? Was kann ich ihm versprechen? Was wird ihn halten? Was wird ihm die Kraft geben, bleiben zu wollen und die Schmerzen seiner zahllosen Brüche auszuhalten, wenn er sie wieder spüren wird. Ahnt er, dass seine Hüfte so zertrümmert ist, dass er keine Klettertour mehr machen können wird? Dass er im Rollstuhl sitzen wird? Wird er die Kraft haben, dieses neue Leben zu leben, auch wenn sein altes gerade erst 20 Jahre alt ist?

Wie wird er sich entscheiden?

Die Lehne bohrt sich weiter in meinen Rücken.

An
aus
hell
dunkel
Leben
Tod


Autor: Dorothea Burger (53 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Manches Mal entsteht ein Text aus der Notwendigkeit heraus, ein Geschehnis in Worte zu fassen, um es zu begreifen.
Aber dennoch bleibt es unsagbar, bleibt es "zwischen den Zeilen".
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