Zwischentöne

Es wird einer dieser Tage, an dem ich nach der Arbeit in die Linie 5 steige, die mich ans andere Ende der Stadt bringt, dorthin, wo Marek wohnt.
„Der Strich auf deinem Auge ist 2 mm dicker als sonst. Außerdem macht er beim linken Auge einen Zacken, 1 cm vom rechten Augenwinkel entfernt.“
Ich umarme ihn nicht, weil er das nicht mag, aber ich würde gern. Mareks Offenheit füllt meine Lungen, dann meinen Bauch und erreicht meine Füße, so dass ich mich heute zum ersten Mal leicht fühle.
„Ich wünschte, du würdest das sorgfältiger machen oder ganz lassen. Es irritiert mich.“
Seine Augenbrauen übersetzen das Unbehagen im gleichen Maß wie die steif an den Seiten gehaltenen Finger.
„Warte.“
Ich ziehe ein Taschentuch aus der Tasche, befeuchte es und reibe, bis sich beide Augäpfel rot und heiß anfühlen.
„Besser?“
Zufrieden nickt er.
Zufrieden sage ich. Ich habe keine Ahnung, ob Marek das jemals ist oder war. Hauptsache, er ist jetzt nicht mehr aus dem Gleichgewicht gebracht und der Abend nicht verloren. Er ruckt mit dem Kopf in Richtung seines Zimmers.
„Komm. Ich will dir zeigen, woran ich heute gearbeitet habe.“
Marek ist mit meinem Bruder zur Schule gegangen. Heute wohnen sie zusammen, wenn Journalist Hannes nicht gerade unterwegs ist, was häufig der Fall ist. Ich bin drei Jahre jünger, aber nach zwei Jahrzehnten spielen drei Jahre nicht mal mehr eine Statistenrolle. In Bezug auf Marek sowieso nicht, der genauso gut älter wie jünger sein könnte. Er wäre Marek, ohne Abweichung. Das stimmt nicht ganz, aber die Entwicklung, die ihn durch seine Lebensjahre hinweg gezeichnet hat, ist sehr viel feiner als bei uns anderen, die wir vom Grunge zum Blues, von der Melancholie zur sachlichen Verzweiflung, von den geschwänzten Bundesjugendspielen zur wöchentlichen Yogasitzung gewechselt haben, und das keineswegs so geradlinig. Während Marek sich systematisch durch die Dateien auf seinem Computer klickt, um mir die Ergebnisse des Tages vorstellen zu können, suche ich in seinem Profil nach der Spur eines Dilemmas, etwas, was darauf hindeutet, dass er irgendwann mal irgendwas zu irgendwem gesagt hat, das er nicht so meinte. Aus Rücksicht, aus Faulheit, aus Misstrauen, Selbstschutz, ganz egal. Doch ich weiß schon zu Beginn meiner Betrachtung, dass ich nichts finden werde. In seinem Gesicht sind andere Linien zu entdecken. Sie graben sich ein, die zuweilen heftigen Abwehrreaktionen der Umgebung auf ein Zuviel an Wahrheit, auf ein Leben, das auf der Zeile stattfindet, schwarz auf weiß. Oft denke ich, dass ihn eine Art von Reinheit umgibt, weil er nie in den Graben dazwischen gefallen ist. Vermutlich ist es moralisch verwerflich, dass ich ihn benutze, als würde ich den Duft eines Babys absaugen, aber ich hege die Hoffnung, dass ihm meine Freundschaft so viel bedeutet wie umgekehrt, und so rechtfertige ich, dass Marek mir als Seelentankstelle dient, zu der ich renne, wenn ich mich in all den Halbwahrheiten des Alltags verloren habe.
„Ich kann nicht behaupten, zuversichtlich zu sein, was dein Verstehen meines neuen Algorithmus angeht“, sagt Marek charmant, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Seine Hand deutet auf den Stuhl am Fenster, was bedeutet, dass ich diesen holen und neben ihn stellen darf. Er programmiert für einen Softwarehersteller, der sich auf Astronomie spezialisiert hat. Es gibt kaum ein Planetarium, das nicht in irgendeiner Weise von Mareks überdurchschnittlichen Verstand profitiert.
„Macht nichts“, antworte ich.
Marek seufzt.
„Ich weiß. Du magst einfach die Sterne.“
Ich muss lachen angesichts seiner Resignation, die ich in meinem Kopf als Ironie verstehe, auch wenn sie es niemals sein wird, und stoße ihm ganz kurz und sanft den Ellenbogen in die Seite. Er zuckt nicht zusammen und rückt nicht ab. Das haben wir geübt. Marek ist kein Trapezkünstler mit doppelter Absicherung, kein gefühlig geschminkter Clown. Er ist der Messerwerfer, dem du vertraust, dass er dich nicht treffen will. Meine Augen brennen schon gar nicht mehr.


Autor: Jessica Kasimir (39 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ich schreibe, um mich und andere besser zu verstehen. Das Gleiche gilt fürs Lesen. Ich liebe sprachliche Bilder, die im Kopf bleiben und sich in Gefühl verwandeln. Und nicht zuletzt gibt es nichts, was so faszinierend, unterhaltsam und mitreißend ist wie das geschriebene Wort, von außen und von innen.
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