Besuch in der Heimat
Wer nach vielen Jahren der Abwesenheit wieder die Heimat und in diesem Zuge auch die Freunde von damals besucht, sollte dabei vorsichtig vorgehen und auf eine Überraschung vorbereitet sein. Es ist möglich, dass die Freunde, die in den letzten Jahren nur als Erinnerung präsent waren, sich so zeigen, sich so verhalten und gebärden, wie man es von ihnen erwartet. Sie können nach all der Zeit, in der doch viel geschehen, die Haut blasser und runzliger, das Lachen leiser und beherrschter geworden ist, immer noch die Gleichen sein.
Am Abend trifft man sich mit ihnen dort, wo man auch früher zusammenkam, tauscht Umarmungen und Komplimente aus, klopft einem auf die Schulter, klappst einem anderen scherzhaft auf den Bauch und setzt sich an einen großen Tisch. Bier wird bestellt und der erste Witz erzählt. Immer müssen sie so furchtbar laut sein, beschwert sich am Nachbartisch ein alter Mann mit dicker Brille. Es wird ein spaßiger Abend werden. Schon in den ersten Minuten erkennt man die Freunde an ihrem Grinsen wieder, bei dem der abgebrochene linke Schneidezahn zu sehen ist, an den rudernden Armen, mit denen eine harmlose Geschichte aufgebauscht wird, oder an dem anerkennenden Pfeifen, das viel zu oft und leicht entfährt. So wie früher, denkt man, sie haben sich nicht verändert. Die Zeit scheint ihre Gewohnheiten nicht zu berühren. Das ist doch merkwürdig.
Während man mechanisch sein Bier trinkt und den Witzen zuhört, kann das Staunen über das gleich gebliebene Verhalten so groß und mächtig werden, dass man plötzlich stumm neben den alten Freunden sitzt, sie schüchtern und verlegen anstarrt, als wären sie steinerne Statuen, die soeben zu Leben erwacht sind und sich nun, entgegen allen Gesetzen der Natur, wie lebendige Menschen bewegen, während sie doch still und reglos an einem festen Platz stehen sollten, den Blick in die ewige Ferne gerichtet. Das starre Bild, das man von ihnen hatte, beginnt sich zu bewegen, zu sprechen, lachen und trinken. Wie ein Durchmischen der Zeit fühlt es sich an, die alten Freunde sind nicht gealtert. Sie sind aus der Erinnerung in die Gegenwart herüber geschritten, wie man über eine Brücke geht, ohne sich Gedanken über den Fluss zu machen. Es könnten Kleopatra und Kant, Vivaldi und Jan Vermeer am Tisch sitzen, es wäre ebenso verwirrend und beeindruckend.
Bei diesem Staunen im Angesicht der lebenden Stauten muss man nun vorsichtig sein, denn es kann bei den Freunden von damals der Eindruck entstehen, man sei ruhig und stumm, weil man nichts zu erzählen habe, in den letzten Jahren nichts erlebt, nichts erreicht und nichts geleistet habe. Sie werden dann, sobald man wieder aus der Heimat abgereist ist, erneut zusammenkommen und darüber reden, wie seltsam doch das Wiedersehen war.


Autor: Friedrich Bastian (35 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Es ist die Absicht, einen Moment, der leicht übersehen werden kann, festzuhalten und ihn mit anderen zu teilen.
Quelle: Besuch in der Heimat