Der Nachruf
In diesem Sammelsurium verlebter Zettelwirtschaft und Gedanken springt mir eine 3 cm große Brille entgegen. Ich überlege, wie lange diese verblichene Kiste hier unberührt gestanden haben mag. Ich weiß, um die Verschwiegenheit seines Herrn, der nun nicht mehr stoisch sondern notgedrungen schweigt. Nachdem ich mich von seiner Witwe verabschiede, trage ich die Kiste in den Volvo und fahre Richtung Heimat. Ich fahre mechanisch die Straßen entlang, singe jeden Radiosong mit und frage mich, warum ich diesen Auftrag angenommen habe, ausgerechnet über diesen Mann einen Nachruf zu schreiben. Über diesen Autor, der bis auf seine gelegentlichen Auftritte im Öffentlich-Rechtlichen weitestgehend blass wirkte. Doch auch, wenn mir sein Name nichts sagt, seit ich die Kiste öffnete, drängt sich mir das Gefühl auf, ihm vielleicht zuvor begegnet zu sein. Habe ich ihn interviewt? Unmöglich. Vielleicht spielt mir mein Gehirn auch einen Streich, verknüpft Assoziationen mit alten Erinnerungen. Die Fahrt ist lang, das Radiogedudel nervt mich und ich beschließe, den Rest des Weges ohne Geräuschkulisse zu verbringen. Doch mein Kopf lässt mich nicht und ich halte an der nächsten Raststätte an, beschließe mit der Kiste im Schoß dem Gefühl nachzugehen, woher ich den alten Herrn kennen könnte.
„Tischdecken! Jetzt!“, ermahnt mich meine Mutter, während ich zwischen den Tischbeinen hin- und herschlängle, die als Hindernisparkour das Rennen zwischen den Spitzenreitern Herr Maulwurf und Fräulein Leonore entscheiden soll. Das Püppchen liegt bislang vorn, denn ihr Kontrahent ist fast blind. Aber er könnte dennoch aufholen, da er unerschrocken Gas gibt. Bevor ich dem Sieger gratulieren kann, packt mich meine Mutter am Arm, nimmt mir meine Rennfahrer weg und brüllt: „Was habe ich dir gerade gesagt?! Tischdecken!“ Unter Protest lege ich Teller, Besteck und Servietten auf den Tisch und schmule wiederholt zu meinem Spielzeug herüber, was meine Mutter in die Vitrine verbannt hat. Ich bin sauer. Nicht nur, dass sich meine Spielzeuge in Haft befinden, ich muss für irgendeinen Gast den Tisch decken, den wir sonst nur zum Basteln verwenden. Mir ist unklar, warum wir so einen Trubel veranstalten und ich überlege, wie ich mich später herausreden kann, am Tisch bleiben zu müssen. Noch bevor ich meinen Plan detailliert ausarbeiten kann, klingelt es an der Tür, meine Mutter wirbelt zwischen den Räumen hin und her und gibt mir mit einem Fingerzeig zu verstehen, dass ich die Tür öffnen soll. Ich schlurfe ich zur Tür und begutachte den Gast. Kleine blaue Augen unter einer dicken Hornbrille, buschige Augenbrauen und eine große Nase starren mir entgegen und ich bemerke den feinen Zwirn, aus Hemd, Sako und Krawatte. Ich starre ihn an, er starrt zurück und prüft mich ebenfalls von oben bis unten, bevor er mich fragt, ob er reinkommen darf. Im Esszimmer angekommen, schaut er auf die Vitrine und begrüßt meine Mutter kühl. Das Essen wird mit peinlichen Gesprächen aufgetischt und wie ich befürchtet hatte, darf ich nicht vorzeitig aufstehen. „Wie gefällt dir die Schule? Hast du viele Freunde? Lieblingsfach?“, fragt mich der Gast und meine Mutter funkelt mich an. Ich antworte, kratze mich ungeduldig und schaue wiederholt auf meine gefangenen Kameraden. Das bleibt vom Gast nicht unbemerkt: „Seid ihr gute Freunde?“ Ich nicke und schlucke, als meine Mutter den Schlüssel zückt und dem Gast meine Spielzeuge überreicht. „Klar. Hab die von meinem Papa. Kenne ich aber nicht“, antworte ich ihm. Er lächelt traurig. „Wo ist denn Herr Maulwurfs Brille abgeblieben?“, fragt er und ich staune, woher er ihre Namen und Habseligkeiten kennt. Meine Mutter erlaubt mir, aufzustehen und meine Kameraden aus den fremden Händen zu befreien. Später klopft es an meine Tür, ich soll den Gast verabschieden. Ich stolpere über die kleine Brille von Herrn Maulwurf und beschließe, sie dem Gast als Abschiedsgeschenk an der Tür zu überreichen. Als ich mich bettfertig mache, höre ich aus dem Bad meine Mutter leise schluchzen.


Autor: Kathrin Müller (28 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Als Fragment eines angefangenen Romanausschnittes meinerseits, freue ich mich, diesen Text passend zu Ihrer Ausschreibung "Zwischen den Zeilen" einreichen zu können.
Quelle: aus meiner eigenen Feder