Meerumschlungen
Meerumschlungen

Fünf Meter über dem Meeresboden liege ich, schwebe ich, nein, ich werde vom Wasser getragen, meerumschlungen.
Ein Korallenriff liegt neben mir, wunderbar anzusehen, ich kann nicht hin, bin ich tot ? Ich spüre das Wasser zwischen den Zehen, im Ohr, unter den Fingernägeln, ich sehe meine Haare, die sich über mir bewegen.
Tote sehen und spüren doch nichts, oder doch ? Was ist mit mir ? Aufrichten kann ich mich nicht, auf meiner Brust liegen Tonnen von Wasser, auch von unten hält mich Wasser, waagerecht eingeschweißt, wie eine Forelle in Aspik.

Unfähig irgendetwas mit meinem Körper anzufangen, bewege ich das, was noch geht und das sind die grauen Zellen.

Hans sitzt am Ufer. Er wartet auf mich. Wie viel Zeit ist schon vergangen ?
Wie lange wird es dauern, bis er unruhig wird – wird er überhaupt unruhig werden – vermisst er mich oder schläft er.

Ein gestreifter Scalar schwimmt über mir, benutzt meine Füße als Wendeschleife, schwimmt über meiner Körpermitte zurück, über den Kopf hinweg und taucht dort wieder auf, um bis zu den Füßen zu schwimmen.
Beim dritten Wendemanöver hinter meinen Füßen zähle ich die Sekunden, nachdem er meinen Kopf passiert hat. Nach genau 12 Sekunden taucht er wieder auf. Hinter mir muss noch jemand liegen – 12 Sekunden – was kann ein Scalar da alles tun – verheddert er sich in meinen Haaren, nein, das müsste ich spüren, würde ja ziepen.
Ich spüre nichts, ich höre nichts, allein die Augen und das Hirn scheinen zu funktionieren.

Hans wird alleinerziehend zurückbleiben – wird er wieder heiraten – werden die Kinder in ein Internat kommen –

Die Raten für das Haus, ohne meinen Verdienst – der Chor, ohne meine Stimme, - ist die Kasse vom Sportverein auf dem neuesten Stand,- habe ich die letzten Ausgaben nachgetragen - die Wäsche ist noch nicht sortiert – die Tiefkühltruhe muss enteist werden – hängen die Zettel von der Reinigung an der Pinwand - oder habe ich die noch im Stoffbeutel, die Impfpässe der Kinder sind auch nicht da, wo sie eigentlich hingehören.







Lieber Gott, ich bitte dich von ganzem Herzen, hilf mir, lass mich hier nicht vor die Hunde gehen, das habe ich nicht verdient, tu etwas !
Beten beruhigt, schlägt mein Herz überhaupt noch, muss ja, denken heißt, dass das Gehirn durchblutet ist. Alles auf Sparflamme – wie, wenn die Tiere im Winterschlaf sind – so was soll es geben – Guinness-Buch der Rekorde, muss ich das haben ?

Vielleicht können die Kinder aufgeteilt werden, jeweils zu den Paten, das wird Hans nicht zulassen, eher verkauft er das Haus, warum war ich so stur, als er sich noch ein Kind wünschte, zusammen hätten wir’s geschafft.

Die Blumen im Büro – die wird die Lobedau gießen – hat am meisten Interesse daran.

Eine Qualle lässt sich auf meinen solar plexus fallen – eine große mit langen Fäden – Feuerqualle denke ich, brennt doch, stößt Saure aus, die mein Aspik durchbricht.
Ein kräftiger Stoß mit den Beinen, Arme nach oben, noch ein Stoß, wie viel Kraft ich doch habe, meine Fingerspitzen berühren die Wasseroberfläche. Meerumschlungen tauche ich auf, Stoßgebete gegen Himmel loslassend, schwimme ich die ersten Züge – jetzt hole ich tief Luft, spüre meinen Atem, meine Arme, meine Beine, mein Herz, es gibt keinen Zweifel, die Welt hat mich wieder.
Am Ufer sehe ich ganz klein einen Mann, der schläft.
Das kann nur Hans sein.


Autor: Marlene Wieland (83 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Selber habe ich so Einiges im Wasser, also im Meer erlebt - Gefahrensituationen meine ich. Ich reiche diesen Text ein, weil sich zeigt, dass auch ziemlich Aussichtsloses plötzlich eine Änderung erfahren kann und man nie aufhören sollte, zu hoffen.
Manchmal gibt es kleine Wunder.
Quelle: Die Autorin selbst