Meine Wellen

Ich habe es verdrängt, zumindest habe ich es versucht. Die Gefühle, der Schmerz und auch die Leere habe ich in einen 2 Meter großen Tresor fest verschlossen und in den Abgrund des Meeres geworfen. Es tat weh, doch ich wollte nichts von alldem mehr haben, zumindest war ich mir damals sehr sicher darüber. Doch was ich nicht wusste, irgendwann wird mein Versteck, der geheime Platz der Vergangenheit, mich einholen. Es begann langsam. Es waren Wellen, die über mich herfielen. Es gab kleine aber auch große, doch in jedem Fall wurde es zur einer Katastrophe. Es schien, als wären all meine vergangenen Emotionen in diesen Wellen enthalten. Sie bauten sich leise hinter mir auf und ich spürte einen kalten Luftzug auf meinem Rücken. Sie sprachen kein Wort, doch ich wusste, was sie denken. Wie hätte ich es mir erlauben können, meine Dämonen wegzusperren. Ich hatte nicht das Recht, dies zu tun. Sie waren doch ein Teil von mir, sie beschützen mich. Sie waren doch meine besten Freunde, niemand kannte mich besser als sie. Ich hatte ihnen zu gehorchen. Und während diese Gedanken herumschwirrten, wusste ich genau, was passieren würde. Und so geschah es, ohne Vorwarnung, die Wellen die sich hinter mir aufbauten, stürzten über mir ein. Ein Surfer hätte sie als die perfekte Welle bezeichnet oder als ein Abenteuer. Doch ich? Ich konnte nicht surfen, ich konnte nur ertrinken. Manchmal war ich stark wie ein Baum, ein riesiger Baum, der seit Jahren seine Wurzeln fest in den Boden verankert hatte. Doch manchmal war ich die kleine Muschel am Strand, die keinen Halt fand, da sie die Wellen wieder und wieder mitrissen. Doch war ich nun Baum oder eine kleine Muschel, es gab keinen Unterschied, die Wellen wurden immer stärker, bis ich nachgab und mich ihnen hingab. Es gab kein Entkommen mehr, keine Hand, die mich hielt, kein Fels in der Brandung, keine Erlösung. Es gab nur noch mich und die Wellen. Meine Wellen.


Autor: Kirsten Fricke (19 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Viele Erfahrungen des letzten Jahres prägten diesen Text und so versuchte ich meine Emotionen in Worte umzuwandeln. Meiner Meinung nach hat jeder Mensch so eine oder eine ähnliche Situation schon erlebt und kann sich eventuell mit diesen Worten identifizieren.
Quelle: Die Autorin selbst