Nebenwirkungsfrei
Der Wecker klingelt. Ich wache auf. Schlaftrunken greife ich zum Skalpell. Ziehe die Unterhose herunter und durchtrenne meinen Sack oberhalb der Hoden. Dafür habe ich 30 Sekunden Zeit. Das Blut läuft in Strömen auf die Inkontinenzdecke. Ein eingespieltes Ritual. Schnell noch vernähen. Die blutstillende Paste auftragen. Den Hoden in das mit einer Flüssigkeit gefüllte Reagenzglas legen. Die Inkontinenzdecke in die Waschmaschine und eine neue aufs Bett. Ich gehe zur Arbeit.
Es ist die neue Behandlungsmethode gegen Schizophrenie. Früher hat es mich in den Wahnsinn getrieben, dass ich Manuela nicht bekommen konnte. Jetzt sitze ich in der U-Bahn, einem bildhübschen Mädchen gegenüber, genau so jung wie Manuela damals. Es regt sich nichts bei mir. Außer, dass ich mir kurz zwischen den Beinen jucke, weil ein Stückchen Schorf sich dort gerade ablöst, wo vor meiner Selbstbehandlung noch mein Hoden war. Ich erinnere mich, dass ich früher einmal etwas spürte beim Anblick einer jungen Frau. Eine Sympathie vielleicht, ein Lächeln möglicherweise. Doch nichts. Mein Gesicht bleibt wie eingefroren. Oder erinnerte ich mich da nur falsch? Konnte das überhaupt sein, so eine Erinnerung zu haben? Konnte ich früher menschliche Regungen gehabt haben und nun nicht mehr? Kam das von der Behandlung? Das mussten doppelte und dreifache Wahngedanken sein - der Arzt hätte mich bestimmt darüber aufgeklärt. Oder war es nur eine seltene Nebenwirkung? Man muss sich an die Behandlung gewöhnen, dann verschwinden die meisten Nebenwirkungen.
Auf der Arbeit stört mich den ganzen Tag das fehlende Gefühl zwischen den Beinen. Ein Kollege am PC drückt schnell seine Webseite weg. Vorher flackert kurz ein Pornobild auf, bevor der Browser auf die Googleseite wechselt. Ich spüre die Wunde. Von dem Blutverlust heute morgen wird mir etwas schwindelig, vor allem macht er mich unendlich müde. Müdigkeit gehört auch zu den meist vorübergehenden Nebenwirkungen, wurde mir im Krankenhaus gesagt. Das ist drei Monate her und ich merke noch nichts davon. Ich werde noch mal drei Monate warten. Man darf die Behandlung erst nach frühestens zwei Jahren beenden. Vorher soll man sich den Hoden immer langsamer abschneiden, bis die Prozedur etwa eine Stunde dauert. Dann erst, nach diesem Ausschleichen, kann man die Behandlung ganz beenden. Doch die meisten Patienten müssen die Prozedur ein Leben lang weiterführen. Jeden Tag ein mal. Setzt man die Behandlung ab, tritt die Schizophrenie wieder ein. Bestimmt wird es spätestens nach ein paar Jahren mit den Nebenwirkungen besser, oder sie gehen ganz weg. Das ist bei jedem ganz individuell. Vor allem die Müdigkeit durch den Blutverlust.
Ich komme nach Hause, setze mich auf die Bettkante, ziehe mir Hose und Unterhose runter, greife nach dem Reagenzglas und fische meinen Hoden heraus. Ein eingespieltes Ritual. Ich kratze den Schorf ab, nehme Nadel und Faden und nähe ihn wieder an. Dann die Salbe drauf. Ich lege mich hin. Die Salbe wird machen, dass der Hoden am Morgen wieder angewachsen ist.
Ich ziehe mir die Bettdecke über den Leib. Die Gedanken fangen an, wirr zu kreisen. Ein Symptom der Schizophrenie. Dafür ist die Behandlung gut. Bilder flackern mir vor den Augen. Die Pornoseite, der Arbeitstag, das Mädchen aus der U Bahn. Irgendwie fühle ich mich ganz gequält von meinen Gedanken. Ich stelle mir vor, wie ich zu meinem Arzt spreche und er mir dazu rät, erst mal wieder schneller zu schneiden. Das regelmäßige Arztgespräch jede Woche gibt mir zum Glück Struktur. Und er hat mir eine nebenwirkungsfreie Therapie versprochen. Ärzte wissen immer einen Rat. Dazu sind sie ja da.


Autor: Benjamin Bessert (48 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Der Text schildert die Absurdität der Auffassung vieler Ärzte, es gebe nebenwirkungsfreie Neuroleptika und in welche Situation das den Patienten bringt. Alle dieser Medikamente rufen nämlich eine mehr oder weniger starke, ich möchte mal sagen "chemische Kastration" hervor.
Da Ärzte nie von sich aus darüber aufklären, es leugnen, verharmlosen und unter den Tisch kehren wollen, halte ich diesen Text für besonders wichtig. Er soll den Abhängigen die Dringlichkeit ihrer Not und die Absurdität, Ärzten Glauben schenken zu wollen vor Augen führen.
Quelle: Folterbote Ausgabe 2 (erscheint Sommer/Winter 2017)