Ostern

Das Ehepaar

Sie sind aus Holz und handgefertigt. Wir kauften sie 1993 auf einem Ostermarkt in Fürstenwalde, östlich von Berlin. Ein Osterhasenehepaar, vielleicht ist es gar kein Ehepaar, vielleicht leben sie in wilder Ehe, aber eher nicht, sie sehen so bieder aus. Sie ist stämmig, steht da, als ob sie sagen wolle, wo steht das Klavier. Dabei hat sie die Hände in einer Schürze voller Möhren. Das Gesicht ist slawisch – breite Backenknochen – Knubbelnase. Er dagegen ist schlank und lang, überragt sie um einen Kopf. Asketischer Kopf, schmale Lippen, philosophisch angehaucht. Ein Arm liegt an der Hosennaht, der andere hält einen Pinsel, der bis zu den Füßen reicht. Er hält diesen Pinsel wie man einen Spaten halten würde. Dies mit der linken Hand. Aber Linkshändigkeit ist hier keine Erklärung. Bei ihm ist ein Ohr abgeknickt und zeigt nach unten. Sie hat beide Ohren aufgestellt.

Auf diese beiden Gestalten fällt nur um Ostern rum die Aufmerksamkeit, diese aber überaus oft. Sie stehen auf dem Küchentisch, an dem gefrühstückt wird. Es ist nämlich so, dass der Mann schwankt, er steht nicht fest und kippt dann immer so, so auf sie zu, dass er an ihr Halt findet.

Der Besitzer dieser beiden, sagte, als er noch lebte, er sucht zärtlich ihre Nähe, doch sie merkt es nicht.

Die Besitzerin sprach, sie fängt ihn auf, sie stützt ihn, und er nutzt das aus.

Zahlreiche Worte ließen sich finden – es ging hin und her – doch schließlich fragte man sich, warum ist das so? Er stand links von ihr – anfänglich, nun ließ man sie links von ihm stehen,
doch wieder schwankte er und kippte jetzt zur anderen Seite. Er kippte nie nach vorn, oder nach hinten, sondern immer seitlich zärtlich zu ihr hin.

Holz ist ja nicht magnetisch – also blieb die Erklärung offen.

Jahre vergingen, das Pärchen fristet sein Dasein in einem Pappkarton, auf dem Ostern steht.
Der Pappkarton macht jeden Umzug mit und so kommt es, dass die beiden wieder auf dem Küchentisch stehen.
Doch inzwischen ist es eine andere Stadt, eine andere Wohnung, ein anderer Tisch und ein anderer Mann, der zu rätseln beginnt.
Dieser neue Mann meinte, es liegt an den Kerzen, die nur auf einer Seite der beiden brennen. Gut, sprach die Hausfrau, wir stellen die Kerzen jetzt auf die andere Seite. Jetzt wird der Osterhasenmann wieder aufgerichtet und die am Tisch Sitzenden wagen kaum zu atmen, geschweige denn in ein Brötchen zu beißen.
Sechs Minuten klösterlicher Stille folgen – und dann fängt er an zu zittern, also im ganzen, er ist ja aus Holz, man sieht ihn vibrieren und hofft, hofft wirklich inständig, zumindest die Besitzerin hofft das, dass er einmal, nur einmal und gerade jetzt bei diesem neuen Mann, in irgendeine andere Richtung fällt.

Aber nein, er neigt sich sanft zu ihr hin und findet Halt. Nun es ist ein simpler Akt, ein Geschehen, doch lässt es, wenn man denn so möchte, tief blicken, soziologisch, ethnologisch und so. …..
Die Dame des Hauses ist fest entschlossen, spätestens zu Pfingsten eine Lösung für das nächste Osterfest gefunden zu haben. Sie denkt an Blei, dass man ihm unter die Füße klebt,
oder vielleicht kleine Bleikügelchen, die ihm das Rollen ermöglichen und wenn er dann zu ihr hinrollt, dann ist es gut, dann soll es wohl so sein.




Autor: Marlene Wieland (84 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Es ist Ostern, und dieses Ehepaar gehört dazu. Es hat sich nichts geändert und der Mann, der jetzt am Küchentisch sitzt möchte auch nicht, dass sich was ändert.
Quelle: Kurzgeschichte von Mila Nabel