Literatur-Apotheke
Attila
Schwer pendeln die Einkaufstaschen an meine schweißblassen Waden, doch der Weg vom Kaufland in den kühlen Hausflur ist nicht weit. Ein Pärchen mit Hund kommt mir entgegen.
Eine Ahnung blitzt in mir auf. Sind das vielleicht... Schlagartig kommt mir die letzte Nacht wieder in den Sinn. Als Menschen und Hunde auf meiner Höhe sind, kläre ich die Sache.
„Attila …“, säusele ich ihnen halblaut zu.
Der Hund hebt überrascht den Kopf. Hund, Herrchen und Frauchen bleiben stehen und starren mich an. Volltreffer! Hier sind die Helden der letzten Nacht.

Einer Nacht, wie alle Nächte zuvor: viel zu heiß, weshalb mein Fenster aufgerissen und alles hereingelassen wird, was sich im Laufe der Nacht in diesem alten Gässchen abspielt.
Da wird dem geneigten Ohr allerhand geboten, immer lebhaft, immer kraftvoll, gekonnt zubereitet in den Zungen des gesamten Kontinents und gerne vor dem Hintergrund eines ausführlichen Zuspruchs zu den beliebtesten Getränken des Sommers.
So bin ich wenig überrascht, als mich ein kehliges Röhren aus dem Schlaf holt. Enthemmt vom Mangel an sichtbaren Zeugen, spielt ein junger Bursche mit der Vielfalt an Lauten, die sich mit Zwergfell, Luft-, und Speiseröhre erzeugen lassen. Ganz damit beschäftigt vernachlässigt er die Schwerkraft und plumpst satt aufs Pflaster. Hellwach und hochinteressiert spüre ich, dass sich weiteres Zuhören lohnt.
Zu müde um aufzustehen verlasse ich mich dabei ganz auf die akustische Höhe der Darbietung.
Es stöhnt, es gurgelt, es würgt – dann endlich klatscht es befreit auf die heißen Steine.
Zufrieden will ich mich wieder auf die Seite drehen, doch die Darbietenden verstehen es, mich wieder einzufangen. „Geht das etwas leiser?“, erkundigt sich eine Dame nicht ohne Vorwurf aus einem der anderen Fenster. „Halli Fresse“, kommt es höflich, aber bestimmt von den Pflastersteinen zurück.
„Attila!“, schallt da plötzlich eine junge weibliche Stimme durch die Nacht. „Attila, hierher!“.
Eine unheilvolle Pause lässt mir Zeit, das Kommende zu erahnen. „Attila – nein!“, schimpft das harsche Frauenstimmchen in Richtung Tier. Zu spät. Genüssliches Schlabbern dringt an mein Ohr. Jetzt bin ich endgültig wach. Und freue mich. Das Auftauchen von Attila ist seltsam richtig.
Schlechtes wandert raus aus dem Menschen auf die Straße, wo es nicht hingehört und dann kommt der Hund. Am Ende geht es allen besser. So gehört es sich und ihr habt es verstanden – kommt, lasst euch ansehen. Doch bevor ich das Fenster erreichen und das Gehörte optisch komplettieren kann, sind die Drei verschwunden.
Wie unfair, denke ich, falle zurück ins Bett und versinke wieder in meinen Träumen.

Aber jetzt stehen sie im Tageslicht vor mir. Beim Anblick dieser vom Dasein allgemein und der letzten Nacht im Besonderen geschädigten Wesen verzichte ich darauf, das Nachtkonzert zu kommentieren. Ich nicke den benommenen Gestalten freundlich zu und setze meinen Weg über das Kopfsteinpflaster fort.
Man sieht sich. Oder hört sich, das soll mir nun auch genügen.
Jedem das Seine. Nicht, Attila?


Autor: Sören Callsen (53 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Aufhebung der Schwerkraft
Quelle: eigenes