Das Mädchen ist fort
In der Stadt der Toten, die sie auch den Friedhof nennen, ist die Silhouette eines Mannes zu sehen, der auf dem schmalen Pfad zwischen den Gräbern wie ein Gespenst umherschleicht. Auf den Spitzen der Tannenbäume sitzende Krähen beobachten ihn. Sie wissen, was es bedeutet, hierher zu kommen. Sie beobachteten wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten, wie die Menschen hierher kamen, um ihre verstorbenen Angehörigen zu beweinen, und sehen so den Schmerz dieser Menschen. Obwohl sie diesen Ort verlassen und wegfliegen könnten, bleiben sie, weil es nirgendwo anders einen solchen Ort gibt, wo sie so viel Reue und Liebe zu sehen bekommen wie hier, in der Stadt der Toten, die sie den Friedhof nennen.
Der Mann hält vor einem Grab an, auf dessen Grabstein eine junge, wunderschöne und lächelnde Frau eingraviert ist. Der Mann sieht nach oben und lässt Dampf aus dem Mund entweichen. Vielleicht verlässt die Seele genauso den Körper! Der Mann ist ziemlich warm angezogen, aber dem Frost gelingt es trotzdem, bis in seine Knochen vorzudringen. Ihn überzieht eine Gänsehaut, aber nicht wegen der Kälte.
Eine der Krähen krächzt und fliegt weg, denn sie möchte sich nicht in die Angelegenheiten eines anderen einmischen.
Der Mann schaut einen Grabstein an, von dem ein junges Mädchen ihr letztes Lächeln der jenseits gebliebenen Welt unendlich schenkt. Der Mann legt eine weiße Lilie auf die schwarze Erde und lächelt. Er hat Falten um die Augen. Er hält noch eine Lilie in seiner Hand und langsam geht er in die Tiefe des Friedhofs, wo er von seiner Mutter, die für immer ein Mädchen bleibt, erwartet wird.


Autor: Georg Ghambashidze (26 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Schreiben ist einer der schönsten Wege, Geheimnisse zu erzählen, ohne jemanden dabei zu verraten.
Quelle: eigenes