Literatur-Apotheke
Die armen Friseure von Liverpool
„Du siehst aus wie einer von den Beatles“, sagte ich zu meiner Schwester Ulla, die acht Jahre älter, dunkelhaarig und überhaupt ganz anders war als ich. Sie wollte wissen, wen ich meinte. Ich war sieben und Ulla überragte mich um mindestens einen Meter. Dass sie einen dunklen Pagenkopf trug, konnte ich aber auch von da unten sehen. Und diese Frisur sah aus wie die von George Harrison. Das sagte ich ihr aber nicht. Sie freute sich über das Kompliment, das eigentlich keines war, denn George sah mit seinem Pagenkopf ziemlich doof aus. So wie Ulla damals, aber die Frisur erwies sich als praktisch für Landkinder. Mir hatte man ebenfalls diesen Topfrundumschnitt verpasst. In der Bravo, die sich Ulla von ihrer besten Freundin Traudi auslieh, gab es den Starschnitt der Beatles. Traudi klebte in ihrem Zimmer alles an die Wand. Sowas hatte ich noch nie gesehen und ich stand staunend davor und überlegte, ob sie sich im Dunkeln nicht erschrecken würde vor den lebensgroßen Figuren. Der Peter-Kraus-Starschnitt hing daneben. Ein unsagbar hässlicher Mensch, fand ich. Er sah aus wie ein Bauer aus unserem Dorf, der seine Riesenzähne auch nicht in einem Mund unterbringen konnte. Daneben wirbelte eine kesse Conny Froboess über die Tapete mit aufgetürmter Frisur und Petticoat. Genauso blöd wie Ihr Pendant Peter Kraus, dafür aber kess. Was man damit meinte, wusste ich nicht. Aber, ich glaube, man hatte den Begriff eigens für Conny Froboes erfunden. Oder er war gleichzeitig mit ihr auf die Welt gekommen. Oft verwechselte ich Fräulein Froboes wegen ihres Vornamens mit der ebenfalls sehr populären Conny Francis. Die Musik der Dame Francis schallte aus jeder Dorfkneipenmusikbox und gefiel mir sehr gut. Musik und Gesang über den schönen fremden Mann und der Liebe, die ein seltsames Spiel sei leierte durchdringend an stillen Sonntagen durch das einsame Dorf. Aufmerksam lauschte ich den Liedern und konnte einfach nicht verstehen, warum der Mann, mit dem sie fast zum Standesamt gefahren wäre, sie nun einfach verlassen hat. Was für ein gemeiner Kerl. Und während Ulla, bewaffnet mit Kamm und Haarspray, schon frühzeitig versuchte, aus ihrem Pagenkopf eine Conny-Francis-Froboes-Frisur zu basteln, war ich glücklich, noch Jahrzehnte von diesem weiblichen Zwangsverhalten entfernt zu sein. Wenn es nach mir ging, wollte ich da auch niemals hin.
„Wem sehe ich denn nun ähnlich?“ ,fragte Ulla und wurde ungeduldig. Sie betrachtete sich von allen Seiten im dreiteiligen Schlafzimmerspiegel der Eltern und drehte den Kopf hin und her. Sie erwähnte die Namen der vier Briten und ich überlegte jedesmal krampfhaft, um dann wieder ein „Neindernicht“ in den Spiegel vor uns zu sagen. Wenn sie innerhalb der vier Fragen zwangsläufig auf George Harrison kam, variierte ich meine Antwort in ein „Ichweißnichtmehrwiederaussieht“ um. Wenige Jahre später verkleidete sich Hans-Joachim Kulenkampff im Fernsehen in einen Beatle. Zusammen mit drei anderen Herren in schwarz-weiß machten sie das „Yeah-Yeah-Yeah“ samstagabendtauglich. Und, obwohl eine Fernsehzuschauerin in einem Leserbrief an die Hörzu die armen Friseure von Liverpool bedauerte, lernten wir in der Schule etwas über die Beatlemania. Ich wunderte mich sehr über den Fortschritt, wo doch in jeder Ecke des Schulgebäudes die prüde Strenge der Fünfziger klebte. Ulla hatte inzwischen mit unserem älteren Bruder eine Band gegründet. Heimlich sahen sie sich am Samstagnachmittag den Beatclub an. Immer auf der Hut vor unserem Vater, der seit dem Krieg mit dem Leben abgeschlossen hatte und durchaus zuschlug, wenn es ihm zu viel wurde.
Ich hätte Ulla so gerne noch gesagt, mit wem ich sie immer verglichen habe am Anfang der Sechziger. Dazu ist es nie mehr gekommen. Leider gewöhnte sie sich mit der Liebe zur Musik auch das Rauchen an. George und sie starben an der gleichen schlimmen Krankheit.

George, falls Du sie siehst. Sage ihr, damals....das war nicht so gemeint.




Autor: Silvia Friedrich (61 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Meine eigene Geschichte verarbeite ich in Texten..möchte Menschen berühren, erfreuen.
Quelle: Autor