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Zerfall
Da war er wieder: Der Weckton, der sie aus ihren Träumen rüttelte und mit rhythmischen Hieben in die Küche trieb.
Da waren sie wieder: Die immer gleichen Handgriffe, die Kaffeemaschine einschalten, das Besteck aus dem Schrank nehmen, die Butter auf den Tisch stellen.
Da war es wieder: Sein Schnarchen, das sie ermahnte, auch ja nichts zu vergessen.
Es verfolgte sie, vibrierte durch Wände und Jahre, brachte jeden Einwand zum Einsturz. Sie nahm das Brot aus dem Küchenschrank. Wenn die Stille kam, musste ein Teller mit fünf Zentimeter dicken Brotscheiben am Tisch stehen.
Das Schnarchen

Könnte sie mit dem Brotmesser doch nur durch die Zeit stechen und sich die Finger ringlos schneiden

verstummte.
Die blauen Küchenfließen zerflossen vor ihren Augen zu Wasser. Sie umklammerte den Brotlaib mit beiden Händen, gemeinsam ließ sich die Stille besser ertragen. Schließlich Schritte. Das Brot zerbröselte zu einem Lächeln.

Responsive image Dieses Werk ist ein Stammpräparat Responsive image

Titel: Zerfall
Autor: Isabel Folie
Quelle: Literaturwettbewerb 2020
Anwendung: Erste Hilfe
Thema: Liebe und Beziehungskisten
Genre: Gedichte

Hochgeladen von: Isabel Folie
Am: 09.06.2020
Motivation: Der Text entstand nach einigen Überlegungen zum Thema Entscheidungen und Reue. Wie erkennt man den Unterschied zwischen Entscheidungen, die man bereut und die nun aber in Stein gemeißelt stehen und solchen Entscheidungen, bei denen man auch Jahre nachdem man sie traf, einen neuen Weg einschlagen kann – immer mit der Gefahr an seiner Seite, sich erneut falsch zu entscheiden.
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