Responsive image
Responsive image


Mein Sommer
Der Sommer ist die einzige Jahreszeit, die ich barfuss betrete und verlasse, die ich mir wie geschmolzenes Eis, wie den Saft einer Wassermelone, den eines Pfirsichs oder einer Tomate von den Fingern lecke. Im Sommer bin ich der Erde so nah, ganz gleich, ob ich auf einem Stein am Meeresstrand oder im duftenden Gras unter einem Kirschbaum liege. Das Wasser ist niemals weit entfernt in dieser Jahreszeit, sei es das Meer, ein Fluss, ein See oder ein Gebirgsbach - oder ich stelle mich einfach in den warmen Sommerplatzregen und lasse mich von ihm durchweichen.
Eine wundersame Zeit ist der Sommer, der mir die Tage und Stunden verlängert, Vieles ermöglicht und mich glauben lässt, das Gefühl des Wassers, der Erde, der saftigen Früchte, des blauen Himmels, des Lichts und der Liebe wird zeitlos andauern.
Es ist aber auch meine Zeit der Himmelsschiffe, die ich nur während der hellen, kurzen Nächte am blauen Firmament entdecken kann, in der ich die Venus suche und den kleinen Bären, und dabei entdecke, wie sehr mir all jene fehlen, die nicht mehr sind. Die Sterne verwandeln sich in eine leuchtend dahinsegelnde Flotte, mit in Weiß gekleideter Besatzung und bunt schillernden Passagieren, die sich an Deck amüsieren, hin und wieder nach unten schauen, in die Tiefe zu mir, die sich im Dämmerschlaf an ihre Gesichter erinnert und das sanfte Gleiten ihrer Bewegungen dort oben erahnt. Das dauert so lange, bis mir schwindelig wird und ich die vielen Traumgestalten nicht mehr voneinander trennen kann.
Eines Morgens erwache ich, fröstele überrascht von einer ungewohnten Kälte und schließe das Fenster, weil der Sommer über Nacht entschwunden ist. Der immergoldene Vogel ist fort geflogen und hat nur einen feinen Nebelstreifen und ein dünnes Spinnennetz im Garten hinterlassen. Die Himmelsschiffe segeln jetzt langsamer, die Passagiere haben sich in die Salons zurückgezogen und keiner winkt mehr zu mir herunter.
Das ist jedes Jahr der Augenblick, in dem ich mich ihnen anschließen und ins Blaue entschwinden möchte. Der Küste ihre steinernen Glockentürme lassen, Plätze mit den Düften der Speisen und Menschen mit Rucksäcken, ein Netz aus Stimmen in engen Gassen, die Souvenirs und Ansichtskarten, die von einem Augenblick auf den anderen zu etwas werden, das ich nicht mehr ertragen kann – keine Sekunde länger.
Ich brauche Ruhe und die Nähe eines Wesens, das sich anlehnt an mein Schweigen und das Boot ein letztes Mal in die einsame, kleine Bucht steuert. Ich könnte eine Grille sein oder eine Möwe, aber nein – ich bin ein Fisch, ein Tier ohne Stimme, ein Wesen, das wie ein archaisches Ornament mit dem Sommer verschmolzen ist. So lebe ich im Augenblick, ohne Gedanken, bar jeder Bewegung, als ein Teil der Umgebung.
Dann erwachen, lieben, tauchen – einfach nur sein. Mit allen Sinnen den guten alten Mediterran fühlen, ihm zuhören, ihn berühren und schmecken, seine Muscheln und Algen, heimliche Arboreten voll dunkelvioletter Schatten, und die undurchlässige, hundertjährige Stille ergründen. Eine Feige kosten, die auf den Lippen brennt, und die Traube des süßen Muskat. In das südliche Licht eintauchen, das auf den Steinen wüst zerstreut und mit den Koniferen dicht verwoben ist, auch mit dem Meer, den Booten, den nackten Körpern. Sich dem Meer überlassen, wie einem unersättlichen Liebhaber, sich nach dem Liebesakt auf dem Stein ausstrecken, zurückkehren, die Stimme wieder finden, bereit sein für das Festland und die Rückkehr in die Berge, glücklich, unbeschwert und leicht.

Responsive image Dieses Werk ist ein Stammpräparat Responsive image

Titel: Mein Sommer
Autor: Slavica Klimkowsky
Quelle: Literaturwettbewerb 2020
Anwendung: Wundermittel
Thema: Landschaften: innere und äußere
Genre: Lebenserinnerungen

Hochgeladen von: Slavica Klimkowsky
Am: 11.06.2020
Motivation: Die Erinnerung an die unbeschwerten Sommer vergangener Jahrzehnte
↑ nach oben

↑ nach oben