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Endzeitlos
Wir, aus demselben Stoff gemacht, halten zusammen. Verpetzen uns nie. Haben Geheimnisse.
Wir lachen.
Unsere Nahrung: Bücher und Tinte.

Oft steige ich ins Dachzimmer hoch, wo der Geruch nach Papier und Bruder die Holzbalken durchzieht.
Das Geklapper der Schreibmaschine klingt beruhigend aufmüpfig und ist wie die Ahnung von einer Freiheit, die im Kopf beginnt und draußen in der Welt ihre Bestimmung findet.

Bald darauf: sein Sprung kopfüber ins pralle Leben. Er fliegt und Landung ist nicht geplant. Ich taste mich vor, nachdenklich Flügel testend, langsamer startend. Unser Gepäck: Bücher und Tinte.
Wir fliegen gemeinsam, doch seine Höhe erreiche ich nie.

Seine Grenzenlosigkeit, stetig wachsend, wächst mir über den Kopf. Ich wünsche mir Erdung und trete den Sinkflug an, er steigt weiter bis zu den Wolken.

Irgendwann, plötzlich und unvermutet: ein Streit, nicht mehr zu schlichten. Der Stoff, aus dem wir gemacht sind, reißt mittendurch.

In den Wind geschrieben: Was die Eltern sagen.
Blut ist dicker als Wasser.
Irgendwann sind wir nicht mehr da.
Ihr müsst euch vertragen.

Wir können nicht. Wir sind verletzt. Wir sind trotzig.

Nach Jahren klingelt das Telefon. Irgendwie hat man mich gefunden. Er, die Flügel gebrochen, abgestürzt, liegt in der Klinik.

Ich zögere. Denke noch, dass ich Zeit habe. Riskiere schließlich die Begegnung und erschrecke, als ich sehe: Er kann nicht sprechen, nicht alleine atmen.
Er macht die altvertraute Geste, doch ich zweifle.
Ich weiß nicht, ob er mich sehen will, sage ich dem Arzt.
Der zuckt die Schultern: Blut ist dicker als Wasser.

Wird er es schaffen? Niemand weiß es. Aber ich mache mir keine Sorgen. Das Risiko war immer sein engster Gefährte. Oft ist er dem Verderben so knapp und unversehrt entkommen, dass ich ihn für unsterblich halte.

Plötzlich ein Anruf: Kommen Sie sich verabschieden.
Ich verstehe nicht.

Verabschieden kommt nach dem Vertragen, nicht umgekehrt. Doch die Welt dreht sich kopfüber auf links und während ich ins Leere falle, breitet er, flügellos geworden, seines Wolkendaseins beraubt, die Schwingen aus und fliegt über alle Grenzen.

In seinem Haus: Bücher und Tinte. Zeugnisse unübertroffener Leistung, Zeugnisse gebrochener Flügel. Der Geruch nach Papier und Bruder.

Nichts, was Abschied heißt.

Wir: Endzeitlos.

Responsive image Dieses Werk ist ein Stammpräparat Responsive image

Titel: Endzeitlos
Autor: Marita Riedlinger
Quelle: Literaturwettbewerb 2020
Anwendung: Injektionen
Thema: Trauer und Abschied
Genre: Lebenserinnerungen

Hochgeladen von: Marita Riedlinger
Am: 14.06.2020
Motivation: Mein Bruder ist im letzten Jahr gestorben. Bis zu unserem Zerwürfnis hatten wir ein sehr enges Verhältnis und ich hatte nie damit gerechnet, dass der Tod uns vor einer Versöhnung trennen könnte.Mein Text erinnert diese schwere Zeit und sagt dem Leser:Wenn du mit jemandem zerstritten bist, der dir noch am Herzen liegt: Es kann jeden Tag zu spät sein. Denk daran und melde dich vielleicht einfach mal bei diesem Menschen. Es gibt etwas zu verlieren!
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